Lanzarote - Wettkampftag II
...also...KM170 in der letzten etwas kniffeligen Abfahrt lege ich mich in eine rechtskurve und just in dem Moment merke ich, daß sich die Zeitfahrmaschine selbständig macht, bzw. ich keine Kontrolle mehr habe und mir "die Straße ausgeht". Der extrem starke Seitenwind tut sein Übriges...ich fahre gerade aus mit gut 60 Sachen auf dem Tacho und stelle mich schon instinktiv auf einen heftigen Einschlag ein. Das ganze läuft ja mehr oder weniger in Sekundenbruchteilen ab...ich schalte also auf "Schadensminimierung", umfahre noch 1-2 Büsche und Steine aber den 3. Busch nehme ich frontal und komme sofort zum stehen, was bedeutet das ich in hohem Bogen - samt Fahrad an den Schuhen - über den Busch fliege. Es rappelt ganz ordentlich in meinen Knochen und es staubt gewaltig...PENG!!! Da liege ich erstmal...
Es dauert einen guten Augenblick bis ich so richtig realisiert habe, was gerade passiert ist. Das Aufstehen fällt mir sehr schwer, der Rücken tut weh und irgendwoher hab ich auch ein bischen Blut auf den Klamotten...ich checke ob mein Rad noch ganz ist und sammel die Brocken ein um damit zu Straße zu humpeln...gute 10-15 Meter hab ich anscheinend im Gelände zurückgelegt...an der Straße angekommen muß ich mich erstmal hinsetzen. Ich bin doch ziemlich lädiert und mir zittern die Beine. Ein in der Nähe postierter Streckenposten kommt zu mir gelaufen und fragt mich ob er die Ambulanz rufen soll - was ich verneine. Ich sage ihm, daß ich lediglich ein paar Minuten hier sitzen möchte bis ich mich wieder besser fühle. Ich stelle fest, daß mein Vorderrad platt ist - was sich - wie sich später herausstellt - wohl der Hauptgrund war, warum es in der Kurve geradeaus gegangen ist...Vorderrad platt, hohes Tempo, Kurve, Seitenwind = schlechte Kombination.
Mittlerweile sind 2 Race-Marshalls auf dem Motorrad angekommen und fragen ob ich hilfe brauche oder die Ambulanz. Ich verneine erneut und fange an - nach endlosen Minuten - mein defektes Vorderrad zu wechseln. Aber durch den Sturz hat sich mein Werkzeug irgendwohin verabschiedet und mir tut alles so weh, daß ich auch schlecht im Gelände danach suchen kann. Ich probiere also das Vorderrad mit nur einem Montage-Hebel zu wechseln aber habe keine Chance. Auch die Druckluftpatrone die ich "reinschiesse" bleibt wirkungslos - Loch zu groß. Also was bleibt mir übrig...? Auf den Service-Van zu warten oder schonmal mit plattem Vorderrad in Richtung Ziel und Wechselzone 2!!! Bis der Van kommt - und ob er überhaupt noch vorbeikommt...das weiß man eben nicht...
Wer schonmal mit einem platten Vorderreifen gefahren ist der weiß wie besch...eiden das ist. Etwa so wie auf Glatteis - also ziemlich seifig und wackelig das ganze und von Geschwindigkeit mal ganz zu schweigen. Zu allem Unglück habe ich für den Wettkampf auf ein herkömmliches Vorderrad gesetzt, das nicht so Seitenwindanfällig ist wie meine Wettkampf-Laufräder. Und eben dieses hat ganz normale Drahtreifen - also mit Schlauch und Mantel. Die Wettkampf-Laufräder sind sog. geklebte Schlauchreifen...die gehen auch bei einem Defekt nicht von der Felge und man kann im Vergleich sogar richtig schnell damit fahren... Ich also im Radwander-Tempo die letzen 10km zum Ziel - an mir schiessen die Jungs nur so vorbei...das frustriert mich ziemlich aber ich probiere das zu ignorieren so gut es geht.
In Wechselzone 2 angekommen warten mein Vater schon ziemlich irritiert: "...was ist los...Du bist mindestens 18 Minuten zu spät..." ruft er mir zu... Bullshit!!! 18 Minuten hat das ganze gedauert. Eingentlich wollte ich unmittelbar nach dem Sturz aufhören, aber auf dem Weg in WZ 2 ging mein Rücken einigermaßen und so entschließe ich mich - halbherzig - erstmal loszulaufen obwohl mir die Nieren ziemlich wehtun...schnappe mir den Wechselbeutel und die Helfer in WZ 2 kommen mir schon entgegen und fragen was los ist. Ich schildere Ihnen die Sachlage und sie sprechen mir Mut zu...ich sähe noch gut aus...nur ein paar Kratzer hinten am Rücken über meine Tättowierung - was mich schon wieder veranlasst einen kurzen Spaß zu machen: "...gut, mach ich ein neues drüber..." sage ich.
Ehe sich der Gedanke auszusteigen doch wieder verstärkt werde ich schon eingecremt und mehr oder weniger bestimmt aus der WZ 2 herausgeschubst. Jetzt also noch einen Marathon...normalerweise freue ich mich ja auf's laufen als meine Parade-Disziplin, aber heute ängstigt mich das irgendwie aber ich laufe also erstmal los...und zu meinem Erstaunen geht es ausserordentlich gut. Ich weiß nicht ob das Adrenalin noch wirkt oder was los ist, aber der Rücken geht ganz gut und ich finde einen passablen Rhythmus...
Ich nehme gleich jede Versorgungsstelle in Anspruch...immer schön trinken, es ist doch ziemlich heiß an der Strandpromenade von Puerto del Carmen und der Wind, der mich auf der Radstrecke weggeblasen hat, ist hier (leider) garnicht zu spüren. Die Hitze steht doch ziemlich. Aber egal, ich bin ja froh das ich überhaupt noch weitermachen konnte. Bis Halbmarathon fühle ich mich echt gut - 1:33h für die ersten 21km sind - im Nachhinein vielleicht ein bischen zu optimistisch für Lanzarote - ziemlich gut...aber jetzt fangen die Probleme an...diesmal habe ich anscheinend zu wenig Mineralien zu mir genommen und dadurch hat man Probleme mit der Wasseraufnahme und bekommt einen Wasserbauch und ziemlichen Harndrang - auf deutsch: dicke Wampe und man muß tierrisch pinkeln. Zeitgleich werden meine Rückenbeschwerden ziemlich stark und langsam tut mir alles weh...scheiße denke ich noch...ein bischen früh diesmal...naja, ich also auf's nächste Dixie und das ist natürlich absolut tödlich gewesen...ich kriege sofort als ich stehenbleibe Krämpfe in Rücken und Beinen und die Beschwerden werden schlagartig größer und größer - ob nur im Kopf oder tatsächlich spielt in letzter Konsequenz keine Rolle mehr...
Davon erhole ich mich leider nicht mehr richtig. Es folgen 5km im "Rentner-Trab", denn ich kann machen was ich will, ich bekomme die Knie nicht mehr vom Boden sonder schleife so vor mich hin. Jedesmal wenn ich Tempo machen will kriege ich sofort Krämpfe in den Beinen. Leider hilft trinken auch nichts mehr...ich kämpfe mich also auf der Wendepunktstrecke zurück Richtung Ziel und treffe meinen Vater ca. bei KM 32. Als ich ihn sehe geht absolut nix mehr und ich muss gehen!!! Das erste Mal gehe ich beim Marathon!!! Was für eine Schande!!! ich fühle mich mieserabel und bin riesig enttäuscht. Wir gehen gemeinsam gute 2 km und Manfred sagt ich soll lieber aufhören. Das ist ein so verdammt verlockender Gedanke. Stehenbleiben. Hinlegen. Essen. Trinken. Massage...all die netten Dinge...aber kommt ja garnicht in Frage sage ich zu mir!!! Wäre ja noch schöner...DNF (Did not finish) auf der Ergebnisliste hinter meinem Namen geht ja garnicht!!! Ich sage zu Manfred das ich zur Not die letzen 10km auch spazieren gehe, aber aufhören werde ich nicht. Gesundheitlich absolut vertretbar weiterzumachen...
Ich also Richtung Ziel-Kanal und letztem Wendepunkt...und als die Zuschauer und der Sprecher mich kommen sehen rufen sie meinen Namen durch's Mikro: "Michael Port is coming for the final round"...und er Applaus brandet auf - nur für mich!!! Geil!!! ich fange also wieder an zu joggen (oder was man so joggen nennt) und der Applaus brandet noch stärker auf. Gänsehautfeeling pur! ich bin den Leuten so dankbar daß ich Kußhändchen ins Publikum werfe...mir mein 3. Armbändchen abhole (als Nachweis für den letzten Turn) und mich auf den Weg auf die letzen 10km mache. Als mich mein Vater joggend sieht kann er's nicht glauben und ich sage ihm, daß ich's so lange wie möglich probiere und zur Not den Rest eben gehe. Er meint, er wolle mir entgegenlaufen und mir das letzte Stück begleiten...
Nach weiteren 5km und somit am letzten Wendepunkt fange ich plötzlich automatisch an wieder schneller zu werden - und - SchlagsGewitter - ich kann wieder Tempo aufnehmen. Das gibt's doch garnicht denke ich und laufe und laufe und laufe...es geht wieder. Okay - nicht toll und Spaß ist was anderes, aber das ist dann auch normal nach der langen Zeit - aber immerhin... bei KM 40 sehe ich Manfred wieder und er kann es nicht fassen als ich an ihm "vorbeifliege". Er ärgert sich kurz, daß er mein "Finish" nicht auf den Film/Foto bekommt, aber nach all dem Scheiß ist das das letzte was eine Rolle spielt...er gibt also die Idee auf, die letzen 2 km neben mir herzurennen und wir rufen uns zu, daß wir uns dann nachher im Ziel sehen...die letzen 2km gehen dann recht leicht und ich bin im Ziel!!! Yessssssss!!! ...doch noch geschafft!!! kein DNF in der Ergebnisliste!!!
Kurz hinter der Zielline begrüßt Kenneth Gasquet - der Race Director von Lanzarote - JEDEN Athleten per Handschlag und ein paar warmen Worten - als wenn es noch nicht warm genug wäre :-)
Um ehrlich zu sein, stellt sich diesmal keine große Freude ein aufgrund der verpaßten Ziele, wo ich doch sooo gut unterwegs war...aber naja. Ziemlich enttäuscht gehe ich geradewegs ins Medical Zelt und lasse mir eine Infusion (okay es waren 2) legen. Direkt auf einer der ersten Pritschen liegt auch ziemlich zerstört Rolf Aldag herum...wir wechseln ein paar Worte... ich frage ihn wie das Schwimmen gelaufen ist und erzähle ihm das er mich ca. bei KM 110 überholt hat... er antwortet schlagfertig: "...wie soll das Schwimmen schon gelaufen sein, wenn ich Dich erst bei KM 110 geholt habe..." :-))) Schlagfertig der Kerl, aber total sympathisch. Seine Schwimmzeit war 1:28 und der 1. Wechsel dauerte 8 Minuten...da machen manche Leute eine komplette Halbdistanz! :-)))
Ich lass mich also auf die nächste freie Pritsche fallen und schon kommt ein Betreuer und piekst mich an - auch ein Schinkenbrötchen (mit Ameisen) bekomme ich gereicht. Lecker!!! Salzig!!! Endlich!!! ...so vergeht ca. 1 Stunde bis die 2. Infusion durchgegluggert ist. Links und rechts neben mir ist reger Betrieb und man kann sich immer schön unterhalten...alles natürlich sehr bröckelig, denn meist liegen Teilnehmer anderer Nationalitäten neben einem...aber auch das macht so ein Wettkampf so schön und interessant...
Nach der Infusion humpel ich zur Finisher -T-shirt, -urkunden und -medallien-Ausgabe, schnappe mir fix meine Wechselbeutel, hole mein Rad ab und mach mich auf die Suche nach meinem Papa, der mittlerweile schon fast 2 Stunden auf mich wartet bei brütender Hitze - der arme Kerl. Zusammen hinken wir zum in der Nähe geparkten Auto und verladen den ganzen Krempel. Das ganze findet direkt an/neben der Laufstrecke statt, so daß man die ganzen Sports-Kollegen noch genüsslich beobachten kann...und ich stelle fest, daß hier auf Lanzarote überdurchschnittlich viele Leute gehen müssen...also so groß ist die Schande anscheinend auch wieder nicht...das ist aber im moment ein sehr schwacher Trost...
Mein Fazit und eine (Kurz)Zusammenfassung der nächsten und letzen Tage auf Lanza gibts demnächst...
bis denne
Michel
Labels: Lanzarote 2006

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